Solo Piano - "Debrecen Jazz Days",14. September 1978
    EUGEN CICERO pur

Die vorliegende CD, von dem im Jahr 1997 viel zu früh verstorbenen Pianisten Eugen Cicero, enthält Sternstunden der Improvisationskunst auf dem Klavier: Alles was er musikalisch zu sagen hatte, wird in diesem Konzert offenbart.

Das ist Cicero pur und in jeder Hinsicht die Quintessenz seines Könnens!

Er spielt mit einer Ausgelassenheit und Vergnügtheit, die sich nur jemand leisten kann, der in der Improvisation der Klassik ebenso zuhause ist wie in den Sparten des Jazz.

Wer sensibel ist, spürt bei dem vorliegenden Live-Mitschnitt die besondere "Insider-Atmosphäre" im Konzertsaal: Augen und Ohren des Publikums sind nach vorne gerichtet, mit jedem Stück baut sich eine knisternde Konzentration auf, bis sie sich bei klug und reizvoll gesetzten Pointen oder nach einem gewaltigen Crescendo in explodierendem Applaus entlädt.

Eugen Cicero spielt in der Manier eines genialen Regisseurs. Gezielt setzt er auf Spannungen und Stimmungen und läßt die ehrwürdigen Meister aus Barock, Klassik und Romantik auf der Bühne seiner Tastatur auferstehen und mit den Stars der Swing-Jazz-Ära in ein kreatives Zwiegespräch treten.

Egal, ob Cicero damals "seiner Zeit voraus" war oder ob seine Musik heute (wieder) hoch modern ist, er hat ein zeitloses musikalisches Werk geschaffen, das immer seine Bewunderer finden wird.

Hier spielt kein "easy listening" Pianist. Schon die Länge der Stücke zeigt, dass Cicero hier mehr zu sagen als nur simples "Hintergrundgeplätscher". Cicero verlangt vom Zuhörer schon etwas mehr, als nur "nebenher" gehört zu werden!

Cicero hat, und das ist sein ganz spezieller Verdienst, den Stücken der Klassik nicht einfach Schlagzeug und Baß hinzugefügt, sondern hat musikalisch klar durchstrukturierte Großformen angelegt, die den Liebhaber klassischer Musik ebenso erstaunen wie den Jazzfreund.

Wie Mozart, der noch nicht an das zeitliche Limit einer Hit-Single gebunden war, läßt sich Cicero bei seinen Improvisationen viel Zeit, berücksichtigt das Auffassungsvermögen bzw. "Mitgehen" des Zuhörers. Er läßt ihn an seinem Experimentieren mit neuen Themen und Klangfarben teilnehmen, und führt ihn, nicht ohne die Freude des Verführers, der je nach Laune und Herzenslust das Thema wechseln kann, über mehrfache Rhythmuswechsel und zu einem "wohlmeinenden" Schlußakkord.

Dies läßt sich sehr gut an der Auswahl und Bearbeitung der Titel aufzeigen:

Cicero spannt den großen Bogen vom "Great American Songbook" bis hin zur klassischen romantischen Klavierliteratur von Frédéric Chopin. Er zeigt nicht geahnte musikalische Gemeinsamkeiten und läßt beide, ohne stilistische Verflachungen und verfälschende Kompromisse, eine gelungene Zwiesprache halten.

Mit dem tänzelnden Eröffnungstitel SHINY STOCKINGS entdeckt Cicero musikalisch nicht nur den versteckten Charme glänzender Seidenstrümpfe, sondern zeigt, wie auch bei SHEIK OF ARABY, dass diese Jazzthemen durchaus mit den Stilmitteln der Klassik "bearbeitet" werden können.

Selten hat man AUTUMN LEAVES in einer derartigen Üppigkeit und gleichzeitigen filigranen Zartheit gehört, die den musikalischen Landschaftsmalereien eines Debussy wohl in nichts nachsteht. Das HEIDENRÖSLEIN von Franz Schubert kulminiert die Romantik des stürmischen Liebhabers in den rhythmischen Elementen des Bossa Nova.

Bei dem "Cicero-Standard" SUNNY, den CHOPIN WALZERN und dem GERSHWIN MEDLEY werden gekonnt eine beachtliche Anzahl großer Kompositionen, mit einander verschmolzen. Immer behalten sie ihre klare Melodieführung und werden mit spannungsgeladener Harmonie und Drive zu einem für Cicero typischen Crescendo geführt.

Kaum zu glauben, dass zwischen dem "ERBARME DICH, MEIN GOTT" (Johann Sebastian Bach) und dem Jazz- Standard "NANCY, WITH A LAUGHING FACE" (Jimmy van Heusen) mehr als vier Jahrhunderte liegen. Cicero zeigt uns ihre enge Verwandtschaft.

Es ist fast programmatisch, dass Eugen Cicero mit seinem letzen Titel ein "Glory Halleluja" anstimmt, das, obgleich seines ganz weltlichen Ursprungs, seine Musik und sein Können schlicht in "himmlische Sphären" hebt.

Keine Frage, dieses Konzert war ein Höhepunkt in der Karriere von Eugen Cicero, - schön dass wir noch nach so langer Zeit hieran teilhaben dürfen!

Diese CD ist jedem Pianisten (aber auch jedem, der gerne Klaviermusik hört) wärmstens zu empfehlen, egal ob er sich mehr in der Klassik oder im Jazz zuhause fühlt, denn hier geht es um das was sich jeder wünscht spielen zu können!

1. August 2005 by Thomas Blaser

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