FAZ - Feuilleton
    Sanft im Dachgartenstil

    Neues von Jazzpianisten mit und ohne Klassikfundament

Eine klassische Ausbildung haben heutzutage fast alle Jazzpianisten. Offennbar sind die seit Jahrhunderteten bewährten an eine großartige Literatur gekoppelten Schulen der Geläufigkeit gerade beim Klavier eine unersetzbare "Universität", Jazzpianisten allerdings, die es in der klassischen Musik wirklich zu etwas gebracht haben, die durchsekommen sind bis zur Konzertreife und bis Rachmaninoy, sind eine ausgesprochene Rarität.

Eugen Cicero gehörte dazu. 1940 in Rumänien geboren, früh als Ausnahmetalent erkannt und entsprechend auf höchstem Niveau als Konzertpianist ausgebildet, wurde er bald auf Konzertreisen, auch ins Ausland, geschickt. Der rigide Kulturbetrieb des kommunistischen Landes konnte zwar nicht verhindern, dass sich Cicero schon in seiner Heimat von seinem älteren Bruder zum Jazzspielen anregen ließ, veranlasste ihn aber-trotzdem oder erst recht, sich 1962 nach Westdeutschland abzusetzen. Alle Freiheiten, vor allem die ktünstlerischen, ließen ihn hier zu einem stupenden Entertainer in einer einmaligen Verbindung von Raffinement und Pop-Appeal aufblühen, als einer der erfolgreichsten Künstler von Nachkriegsdeutschlands erster wichtiger Schallplattenfirma des Jazz: MPS.

Glasperlenspiel der Zitate
Meistens mit (erstklassigen) Rhythmusgruppen phantasierte Cicero über Chopin, Schubert, Liszt, Bach, Scarlatti, Tschaikowsky, Balkanfolklore, Schlager und Jazz-Evergreens. Aus dem Jahr 1978 kam nun, ausgegraben von einem slowakischen Sammler, ein bisher unveröffentlichter Konzertmitschnitt vom Jazzfestival in Debrecen heraus. Das Album bringt den in allen neueren Lexika vergessenen Musiker eindrücklich in Erinnerung; es ist einer seiner seltenen Soloauftritte. Seine geistreiche Verspieltheit, seine seiltänzerischen Risiken sind hier womöglich noch besser und mit größerer Spontaneität entfaltet als in den Standard-Trios, mit denen er normalerweise auftrat Die Dynamik und Agogik, der enorme Horizont der Bezüge, die Verbindung von strengem Strukturbewußtsein und tiefem Swing-Verständnis, der Humor der harten Kontraste und natürlich die Brillanz der glitzernden Läufe machen diese CD zu einem Monument höchst unterhaltsamer Crossorver-Klavierkunst. Cicero zitiert bravourös die rasendenTongirlanden von Art Tatum, die berühmten "hinkenden" Verschleppungen zwischen linker und rechter Hand von Erroll Garner, die rollenden Bassfundamente des Boogie-Woogie, dazu alle nur denkbaren Elemente der E-Musik von Bach bis Chopin. Die Zitate, etwa von Grieg und Chopin, in dem Pop-Hit "Sunny" schwellen wie aus dem Unterberwußtsein hoch.
An anderer Stelle, etwa dem staunenswerten, "Chopin-Medley", sind die bekannten Themen kunstvoll kalkuliert ineinandergewirkt. Gewisse Effekte wie applausgenerierende Schlüsse und vordergründig erkennungsdienliche Zitat-Späße können kaum für lrritationen sorgen. Dafür ist dieses Glasperlenspiel mit Gershwin-Themen, Schuberts "Heidenröslein", einer Arie aus Bachs "Matthäuspassionn", Jazz Evergreens und demschon genannten Material einfach viel zu intelligent.

-Ulrich Olshausen-
Source:  FAZ 29.07.2006

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