Solo Piano - "Debrecen Jazz Days",14. September 1978

    Sternstunden der Klaviermusik

Wie ein lange verborgener, geheimnisvoller Schatz muten die vorliegenden Aufnahmen vom 14. September 1978 an. Nach dem Mitschnitt bei den "Debrecen Jazz Days" verschwanden diese Jazzdiamanten in einem privaten Schallarchiv und schlummerten, um erst im 2004 von einem ambitionierten slowakischen Sammler entdeckt zu werden. Die nun erfolgende Veröffentlichung dokumentiert - nicht nur für die Kenner und Verehrer von Eugen Cicero - Sternstunden der Klavier-Soloimprovisation und sie zeigt eindrücklich das unglaubliche instrumentaltechnische Format sowie das immense gestalterische Spektrum dieses viel zu früh verstorbenen Ausnahme -Pianisten.

Wir werden zurückversetzt in die 1970er Jahre, in eine Zeit, als in Osteuropa der Jazz als rares Importgut aus einer "anderen" Welt gehandelt und hochgeschätzt wurde. Zum privaten Jazz-Hören und insbesondere zu Jazzkonzerten trafen sich damals, oft auch "inoffiziell", eingeschworene Fangemeinden, um gebannt den verheißungsvollen Klängen aus dem Westen zu lauschen.

Den hier herausgegebenen elf Takes ist diese besondere Insider-Atmosphäre anzuhören, eine Aura, die einen Kreis von Eingeweihten umgibt: man spürt wie sich im Saal die Ohren und Augen nach vorne richten, wie sich eine knisternde Konzentration aufbaut, die sich nach zündenden pianistischen Pointen in explodierendem Applaus entlädt. Eugen Cicero spielt mit Spannung und Stimmungen, wenn er, einem begnadeten Regisseur gleich, immer wieder andere altehrwürdige Meister aus Barock, Klassik und Romantik als Akteure auf die Bühne seiner Klaviertastatur beschwört und sie mit Stars der Swing-Jazz-Ära in einen kreativen Dialog treten lässt.

Seine Magier-Hände zaubern eine gewaltige Crossover-Performance aus dem Flügel hervor - damals wurde die Verschmelzung von Traditionsrepertoire und Mainstream Jazz "Classic-Swing" genannt. Als Exponent dieser Richtung liegt das spezielle Verdienst Eugen Ciceros im Entfalten durchstrukturierter Großformen, weit jenseits des in der unterhaltsamen Musik viel strapazierten Reihungsprizips - schon an der Länge der Stücke ist dies abzulesen. In der Blütezeit des "Classic-Swing" hatten Auf- und Ausführende wie auch Rezipienten Muße, man ließ sich auf Freiheiten ein, setzte auf Interaktions-, Kommunikations- und Entwicklungsprozesse, wollte experimentieren und teilhaben an der Erschließung bislang unbekannter Klangdimensionen.

Eugen Ciceros universale Virtuosität sowie ein erwartungs- und hingebungsvolles Publikum, bereit, jedes künstlerische Wagnis mit einzugehen, schufen ideale Rahmenbedingungen dafür, dass sich in diesem Konzert die Sphären historisch gewachsener Komposition einerseits und impulsiven Stegreif -Musizierens andererseits - ohne stilistische Verflachungen und verfälschende Kompromisse - in ihrer integralen Eigenart und Vielfalt begegnen und ergänzen: ästhetische Gegenpole erscheinen geeint durch die Glanzleistung eines Genies.

Juli 2005 by Martin Herr

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