JazzPodium Ausgabe 12/1984
    EUGEN CICERO Trio
    Spring Song

Es ist doch recht merkwürdig: Da versuchen honorige Jazzexperten unentwegt, den Jazz dadurch zu rechtfertigen und "salonfähig" zu machen, dass sie vermeintliche oder tatsächliche Parallelen zur klassischen Musik ziehen (das Generalbass-Spiel etwa wurde mit der Jazzimprovisation verglichen). Besinnt sich aber einmal ein Jazzmusiker auf die Wurzeln und nimmt die klassische Musik als Grundlage seiner Musik, sind es dieselben Kritiker, die naserümpfend von geschmacklosem Niveau reden. So geschehen bei einem der größten Pianisten der Jazzgeschichte, Art Tatum, der, in klassischer Musik vorgebildet, ebenfalls ab und zu Stücke des klassischen Repertoires für den Jazz abwandelte, was von dem französischen Jazzkritiker André Hodeir sehr gerügt wurde. Es ist erstaunlich, dass Tatum damals von vielen namhaften Jazzmusikern vehement verteidigt wurde.

Der aus Rumänien stammende Pianist Eugen Cicero ist ein Musiker, der bevorzugt klassische Musik auf den Jazz überträgt. Dies ist jedoch nicht gleichzusetzen mit "verjazzter Klassik", bei der oft durch bloße Rhythmusverschiebungen und "zeitgerechte" Instrumentierung (Keyboards!) nicht nur banalisiert, sondern häufig auch persifliert wird. Anders Cicero, der mit der klassischen Musik verwachsen ist, sie variiert und mit eigenen Ideen durchsetzt, ohne sie ihres Inhalts zu berauben oder sie gar despektierlich zu karikieren. Es ist praktisch eine Übersetzung der Klassik in den Jazz. Nichts geht von der Ursubstanz der Stücke durch Cicero's paraphrasierende Interpretationen verloren, wenn er etwa bei "Cicero's Caprice No 24" paganinische Leichtigkeit aus dem Jazz sprechen lässt, oder über das Frühlingslied von Mendelssohn aus dessen Zyklus "Lieder ohne Worte" reflektiert. Natürlich sind die Freiräume für eigene Ideen bei fast geometrisch komponierten Bachstücken begrenzter als bei vergleichsweise "leichteren" Kompositionen, etwa Smetana's "Moldau", die hier etwas popig aufgemacht ist und von einem südamerikanischen, rumbaartigen Rhythmus unterlegt wird, der mir nicht so ganz passend zu sein scheint. Unterstützt wird Eugen Cicero von zwei sehr profilierten Kollegen, Billy Higgins ein Exponent des modernen Schlagzeugs und John Clayton, der selbst von der klassischen Musik herkommt und deshalb für die Aufnahmen prädestiniert ist.

Während Higgins nur bei "Caprice No.24" ein kurzes Solo hat und ansonsten für einen nuancenreichen, einfühlsamen Begleitrhythmus sorgt, den man mehr zu spüren als zu hören glaubt, kann John Clayton bei dem so genannten Spinnerlied von Mendelssohn, Chopins "Largo From Preludes, Op.28" und Bachs "Orchester Suite No.1 in D, BWV-1086" mit gestrichenen, erstaunlich beweglichen Basssoli glänzen. Allen in Stilschubladen eingeordneten Menschen zum Trotz und getreu der Feststellung, das es nur schlechte oder gute Musik gibt, spannt das Trio im abschließenden "Cicero's Paraphrase in G-Flat" einen verbindenden Bogen von Mozart bis zu "Glory, Glory Hallelujah". Eine Platte, die außer Jazz- und Klassikpuristen vielen Spaß machen dürfte.
Andreas Geyer
Source:  JAZZPODIUM 12/1984

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