Jazz Echo  06.09.2006
    EUGEN CICERO
    Swinging The Classics On MPS

Endlich gibt es nun auf CD die "verjazzte Klassik" des Pianisten Eugen Cicero, der in den sechziger Jahren mit seinen LPs riesige Verkaufserfolge feierte. Im neu gemasterten 3-CD-Set erscheinen jetzt erstmals die legendären fünf klassischen Cicero-LPs des MPS-Labels bei uns in Deutschland auf CD: "Rokoko-Jazz", "Cicero's Chopin", "Swinging Tschaikowsky", "Romantic Swing" und "Balkan-Rhapsodie".

Jacques Loussier machte Beginn der Sechziger in Frankreich den Anfang, als er klassische Bach-Werke mit seinem Jazztrio interpretierte. Zunächst gab es einen Aufschrei der Empörung unter den Gralshütern der klassischen Musik, aber schon bald verkauften sich Loussiers Schallplatten, die schöne Bach-Melodien mit entspanntem Swing verbanden, weltweit wie warme Semmeln. Die Swingle Singers sprangen schon bald auf den Zug auf und schufen mit Vokalbrillanz ebenfalls swingenden Interpretationen von Bach & Co.

Und Deutschland hatte Eugen Cicero. Es wäre allerdings stark untertrieben, ihn als Loussier-Nachahmer zu bezeichnen, denn Cicero verband die klassischen Originale und Jazzinterpretation mit einer atemberaubenden technischen und künstlerischen Finesse, die auch heutige Hörer noch sprachlos machen kann. Man sagte damals: "Cicero spielt Loussier an die Wand". Und hatte recht! "Es gibt keinen einzigen swingenden Bach, der so rasant und zügig dahinschösse wie dieser", hieß es im September 1966 im RIAS-Pressedienst. Und im Kurier meinte in derselben Zeit ein Kritiker: "Eindrucksvoll Bachs Präludium in C, einfallsreich die romantische Lyrik des Schwanensee, am besten scheint dem Cicero-Trio aber Chopin zu liegen: Perlend und locker, glitzernd und leicht spielt es Walzer und Präludes von Chopin in immer neuen Variationen und Interpretationen. Was an den drei Solisten besticht, ist ihre spürbare Freude am Musizieren, ihr Temperament und ihre Präzision."

Eugen Cicero wurde 1940 als Sohn rumänisch-ungarischer Eltern in Klausenburg (Siebenbürgen) geboren. Er machte schon in frühester Jugend auf seine musikalische Begabung aufmerksam. Vom vierten Lebensjahr an erhielt er Klavierunterricht durch die renommiertesten Pädagogen seines Landes.

Aufgewachsen in einem kommunistischen Land, erwies sich für ihn die Swingmusik als geradezu magische Inspirationsquelle. So konnte es nicht ausbleiben, daß ihn Anfang der 60er Jahre seine erste Tournee in den Westen auch nach Berlin führte, in einen der Schmelztiegel des europäischen Jazz. Dort begegnete Cicero einer Vielfalt von Stilen, wobei er es vorzüglich verstand, sich alle wesentlichen Impulse nutzbar zu machen. Nach und nach kristallisierte sich als sein persönlicher Stil der sogenannte "Klassikswing" heraus, ein harmonischer Brückenschlag zwischen der klassischen Musik und dem Jazz. Eine breite begeisterte Resonanz auf dieses Novum ließ nicht lange auf sich warten.

Ciceros Erfolgsrezept: Er wählte Perlen aus Barock, Klassik und Romantik, versah sie mit reichlich Swing und jazzigen Harmonien und bearbeitete diese Zutaten mit seinen begnadeten Händen so lange, bis sie zu eigenständigen und zeitlosen Meisterwerken herangereift waren.

Begleitet wurde der Pianist dabei von den Bassisten Peter Witte und J.A. Rettenbacher sowie Schlagzeuger Charly Antolini. Für eine angemessene Beurteilung von Ciceros Schaffen ist es unverzichtbar, sowohl mit dem Intellekt als auch mit dem Herzen zu hören. Cicero liebte die Musik wie auch die Menschen. Er spielte nie um seiner selbst willen, sondern immer für sein Publikum, das er verzaubern wollte. Er traf für jedes Konzert eine Werkauswahl, bei der sowohl die Klassikfreunde als auch Jazzpuristen auf ihre Kosten kamen; vor allem aber erhöhten Spontaneität und Improvisationsfreude, mit denen er seine Stücke immer wieder neu anrichtete und servierte, seine Konzerte zu einer Art von Kunstgenuß, die man heute in unseren Konzertsälen selten erleben kann.

Eugen Cicero erhielt 1976 den deutschen Schallplattenpreis für die Bearbeitung von Franz-Schubert-Kompositionen. Neben über 70 Tonträger und zahllosen Fernsehaufnahmen im In- und Ausland, hat er wegweisende Einspielungen mit den Berliner und Münchener Philharmonikern vorgelegt. Konzertreisen führten ihn bis kurz vor seinem frühen Tod im Jahre 1997 regelmäßig nach Japan, wo er sein treuestes Publikum hatte und zuletzt fast Kultstatus erreichte. Eugen Cicero machte es der Presse nicht leicht, wenn sie versuchte sein Klavierspiel zu charakterisieren. Das Prädikat von den "goldenen Händen", das ihm zeitlebens anhing, zeigt, daß Musikliebhaber und Rezensenten inmitten einer Zeit rasanter Umbrüche seine Qualitätskonstante zu schätzen wußten. Heute noch, nach über vierzig Jahren, steht der Name Eugen Cicero für faszinierende Virtuosität, phänomenales Rhythmusgefühl und einen unerschöpflichen Erfindergeist am Klavier.

Eugen Ciceros Sohn Roger feiert gerade eigenen großen Erfolg als Jazzsänger mit seiner CD "Männersachen".

 
Source:  Jazz Echo 09/2006

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