Eugen Cicero
 

Eugen Cicero,
geboren in Klausenburg 1940, hieß mit bürgerlichen Namen "Eugen Ciceu". Nach Mitteilung des Leiters der Abteilung Jazz beim Bayrischen Rundfunk, Hans Ruhland, bekam Eugen seinen Künstlernamen "Cicero" von Freddie Brocksieper verliehen. Er hat Eugen in sein Trio aufgenommen, nachdem dieser 1963 von West-Berlin nach München kam und eine neue "musikalische Heimat" suchte. Brocksieper, der 1912 in Istambul geborene Schlagzeuger, war einer der ersten großen Jazz-Drummer in Deutschland und war in den 60-er Jahren eine "Institution" in München.

Leider hat uns Eugen Cicero nie ein "richtiges" Interview geben können, so dass wir ihn hier mit Zitaten aus Liner Notes und Zeitungen zu Wort kommen lassen:
    Berliner Morgenpost, September 1962
    unmittelbar nach seiner Flucht:
      "Ich war bereit, alles zu ertragen, aber man hätte mich so musizieren lassen sollen, wie ich das will."

      "In unserer Heimat durften wir nur "sozialistischen Jazz" spielen. Auf die Dauer dreht man da durch."

      "Heimlich haben wir nachts am Radio westliche Musik gehört. Und das ist streng verboten".

      "In Amerika finden wir die besten Lehrer, mein großes Vorbild ist der amerikanische Jazzpianist Erroll Garner".




    Berliner Morgenpost, 22. September 1983
    CICERO hat Berlin 1980 in Folge seiner Scheidung verlassen. Im September 1983 . kam er wieder zu einem Konzert nach Berlin, wo über ihn folgendes Interview (leider nur auszugsweise) abgedruckt wurde:
    Der 43-jähriger Pianist war einer der ersten, der klassische Musik durch Swing in Schwung brachte. Der gebürtige Rumäne, dessen internationale Karriere in Berlin begann, kommt heute für insgesamt drei Abende zurück in das Kleine Theater am Südwestkorso.

    Fünfzig Platten hat Eugen Cicero, der 1962 mit seiner ganzen Combo in den Westen flüchtete, inzwischen eingespielt. In rund 150 Konzerten tritt er jährlich auf. Im Alter von sechs Jahren gar er bereits Klavierkonzerte mit Musik von Mozart.

    Sie sind also ein Wunderkind?

    CICERO:
      "Das behaupten alle. Ich habe wirklich keine Erinnerung daran. Schon mit vier Jahren habe ich mich an einen Bechstein Flügel im Luftschutzkeller gesetzt und das Klavier für mich entdeckt. Ein Jahr später begann eine ganz nochmals Ausbildung. Ich fand es schöner Noten zu malen als Buchstaben."
    Stammen Sie aus einem musikalischen Elternhaus?

    CICERO:
      "Wie man's nimmt. Mein Vater war orthodoxer Priester und sang in der Kirche. Übrigens ziemlich falsch."
    Wie kamen Sie darauf Klassik als Jazz zu interpretieren?

    CICERO:
      "Jazz war nach dem Zweiten Weltkrieg im ganzen Ostblock verboten. Ich habe Jazz erst durch die "Stimme Amerikas" kennengelernt....."




    Aus den LINER NOTES von

    ROKOKO JAZZ:
      "Außer Klavier habe ich kein Hobby". Gegenfrage: "Aber Klavier, das ist doch ihr Beruf?" Anwort: Ach ja, das hatte ich ganz vergessen."

    IN TOWN:
      "Meine Spezialität waren Liszt und Chopin, sowie Bela Bartok, George Enesco, Debussy und Ravel". Aber im gleichen Atemzuge: Schon auf der Schule improvisierte ich lieber frei, als nach Partituren zu üben".

    CICERO'S Chopin:
      "Chopin war schon immer etwas Besonderes für mich. Ich meine, ich hab ihn nicht so phantastisch gespielt, wie er gespielt gehört, Niemand kann ihn gut genug spielen. Aber ich fühle ihn. Mir liegt diese Art Traurigkeit und Melancholie. Es ist meine Art, Musik zu empfinden. Vielleicht hängt das mit meiner rumänischen Herkunft zusammen -mit dem Slawischen. Bei uns zuhause klingen viele Volksweisen wie Chopin. Es gibt das gleiche leise und zarte Filigranwerk darin.

      Ich hab die Préludes schon gekonnt, als ich acht oder neun war. Wenn ich heute Chopin spiele , mit Charly Antolini und Peter Witte, dann fühle ich einfach, es ist hübsch ihn so zu spielen, wie wir das tun. So ungefähr hätte er selbst es gemacht, wenn er heute lebt -nur natürlich viel, viel besser. Eine so poetische lyrische Musik wie den Bossa Nova aus Brasilien -ich bin ganz sicher: Chopin hätte sie geliebt.

      Deshalb habe ich das E-moll-Prélude zu einem Bossa Nova gemacht. Am meisten gefallen mir die Klarheit und die Einfachheit und die Zartheit des Filigrans bei Chopin. Darin ist er den Komponisten des Rokoko -Scalatti zum Beispiel- nahe."


      Cicero hatte sich auf den Fahrt von München nach Villingen , wo diese Platte aufgenommen wurde, eine schwere Grippe geholt.

      "Wissen Sie", sagte er, "Ich hab viel Fieber in diesen Tagen gehabt. Aber das ist gar nicht mal schlecht. Ich spiele besser, wenn ich Fieber habe. Fieber ist gut. Chopin hat auch immer viel Fieber gehabt."

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