Jörg Faerber
 
       
Jörg Faerber,
inzwischen pensionierter Dirigent und Geschäftsführer des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn. hat mit vielen Großen aus der Klassik zusammen gearbeitet (z.B. Anne Sophie Mutter und Maurice André). Mit Eugen Cicero hat er die ersten Orchesteraufnahmen gemacht, 1973 "Chopin" und 1975 "Schubert", für welche Eugen den Deutschen Schallplattenpreis bekommen. Jörg Färber erzählte in einem Telefongespräch am 15. November 2002:
    Den Namen Eugen Cicero habe ich zuerst in einem privaten Kreis von Musikfreunden gehört. Das muss Mitte der 60-er Jahre gewesen sein. Ich war auf einer Einladung und wir wünschten uns gegenseitig Titel aus Klassik und Jazz. Diese wurden dann vorgespielt und anschließend besprochen. Ich wünschte mir ein Abriß über die 10 interessantesten Jazz Pianisten. Da haben die mir Jacques Loussier vorgestellt. Den fand ich völlig uninteressant, das war für mich nur Bach mit Rhythmusgruppe. Danach wurde mir ein Stück von Eugen Cicero vorgespielt. Das fand ich sofort sehr gut und meine Freunde sagten, das sei zur Zeit der absolute Geheimtip.

    Später habe ich mich dann an ihn erinnert. Zuerst hat ihm mein Büro geschrieben, da kam keine Antwort. Dann rief ich Eugen selbst an und das Eis war gebrochen. Er brachte Ack van Rooyen und dessen Bruder Jerry für die Arrangements und noch weitere hervorragende Musiker für Schlagzeug und Bass mit.

    Der Start meiner Zusammenarbeit mit Eugen war ein Stück von Karl Hermann Pillney 'Eskapaden eines Gassenhauers'. Pillney ist ein Musikdirektor aus Düsseldorf, glaube ich, und der hatte Schlager wie zum Beispiel "Was machst Du mit dem Knie, lieber Hans?" im Stil von Bach, Mozart, Verdi, Schönberg usw. bearbeitet. Es war für kleines Orchester gesetzt und der Gag war, dass wir dieses Stück am Schluß von Cicero auf seine Art gespielt haben.

    Ich hatte schon früher Spaß daran, Klassik und Jazz Musiker zusammen zu bringen. Das begann als ich mit meinem "Württembergischen Kammerorchester Heilbronn" beim SDR in der von Wolfram Röhrig geleiteten Sendung "Woche der leichten Musik" mitgewirkt habe. Ebenso spielten wir mit der Rhythmusgruppe von Erwin Lehn (Südfunk Tanzorchester) zusammen. Da waren schon die Herren Charly Antolini, Peter Witte, Günter Leimstoll dabei.

    Im Studio war das immer eine herrliche Atmosphäre, wenn die Klassiker auf die Jazz Leute gestoßen sind. Hatte ich dann "accelerando" gesagt, hatten mich die Leute vom Jazz komisch angesehen und wenn ich von "drive" sprach schauten die Klassiker ebenso erstaunt.

    Die Jazz Leute hatten ja die Klassiker immer bewundert, aber leider stimmte das nicht umgekehrt. Die Klassiker sahen oft auf die Jazz Leute herab, -das fand ich arrogant und dumm.

    Bei Eugen war das anders. Er brachte hoch kalibrige Musiker mit, die in der kühlen Studioatmosphäre ganz locker blieben. Da wurde zum Entsetzen meiner Klassiker kurz vor der Aufnahme noch eine Bierflasche aufgemacht, dann aber mit imponierender Präzision ein Bläsersatz gespielt, dass den eingefleischten Klassikern die Spucke wegblieb.

    Die erste Platte "Chopin" kam sehr gut an. In Köln beim Rundfunk wurden wir gefragt, ob das eine "neue Welle" sei. Ich sagte dann, nein, das ist eine Einbahnstrasse. Jazz bleibt Jazz und Klassik ebenso, aber beide Stilrichtungen sollten sich kennenlernen und sich vermischen, wo sie es können. Nicht jeder kann bei dieser Mischung mitwirken. Bei Menuhin und Grapelli hören Sie auf der Platte ganz genau, wer was wann spielt. Jeder Musiker muss wissen, wo er zuhause ist, sonst wird es nur Imitation.

    Die zweite Platte "Schubert" war für Eugen ein großer Erfolg, er bekam den Deutschen Schallplattenpreis. Ich erinnere mich noch gut, als nach einer Aufnahme das Rotlicht im Studio ausging, ist Eugen vom Flügel aufgesprungen, hat mich umarmt und geküßt und gerufen: "Du König des Ritardandos!" Ja, so war er!

    Unsere Orchesterarrangements, d.h. alle Bläsersätze und Streicher, waren natürlich ausgeschrieben, das hat alles Jerry van Rooyen gemacht, doch der Klavierteil blieb völlig allein Eugen überlassen. Er konnte sich auf unserem Klangteppich frei bewegen. Ich hatte mit meinen Leuten die Sache vorher etwas einstudiert und dann ging's ab ins Studio. Wir hatten gleich einen guten Draht zueinander. Nach dem Krieg habe ich viel Tanzmusik gemacht und so war mir der Swing im Grunde nicht fremd.

    Unser letzter gemeinsamer Auftritt, Eugen wohnte damals wieder in München, war ein von LIONS ausgerichtetes Benefizkonzert am 10. Februar 1982 in der vollbesetzten Konzerthalle "Harmonie" in Heilbronn. Ein Teil Klassik, ein Teil Jazz. Das war damals ein großer Erfolg und ein Abend, den ich nie vergessen werde. Später kam es leider zu keiner weiteren Zusammenarbeit mehr. Wir waren beide in unserem ureigenen Metier voll ausgelastet.

    Eugen war ein begnadeter Musiker. Um dies zu erkennen brauchte es ein besonderes Maß an Wissen und Geschmack, sowie Antennen für seine außergewöhnliche Interpretations- und Improvisationskunst. Die Begegnung mit ihm, als Mensch und Künstler habe ich immer als einen wertvollen Abschnitt meiner Laufbahn empfunden, als große Erfahrung und Freude.

    Seine hohe Sensibilität, ohne die seine differenzierte Musik undenkbar wäre, brachte es aber auch mit sich, das Eugen im praktischen Leben nie einen so festen Stand hatte, wie z.B. seine Kollegen Horst Jankowski oder Paul Kuhn, die alle Register der "Talk Show" beherrschten und ihre zweifellos sehr gute Musik ebenso gut zu verkaufen wußten. Sie waren "das RIAS" und "das SFB" oder eben die "Schwarzwaldfahrt" bzw. der "Mann am Klavier".

    Eugen, als stiller, introvertierter Musiker war eben "nur" Cicero, ein grundehrlicher, liebenswerter, bescheidener und dabei hochbegabter Künstler. Der Beiname "Mr. Golden Hands" seines Plattenlabels INTERCORD auf der LP "Eugen Cicero Concerto" hat sich offensichtlich nur wenig durchgesetzt. Ich glaube, dass ihm die Welt mit einer fairen Einordnung seines Könnens so manches Aufbegehren zum falschen Zeitpunkt erspart hätte.

    "Nur" Cicero? - Dieser Cicero war in seiner Art einsame Klasse!
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