Hans Georg Brunner-Schwer (HGBS)  1927-2004
 
MPS-Studio 1967

Pressephoto 2004
 
Das Interview fand am 09.04.2003 im MPS Studio in Villingen statt, nur wenige Stunden, bevor wir zusammen zu einem Konzert von Paul Kuhn, anläßlich seines 50. Bühnenjubiläum, in die Stadthalle Villingen gingen.

Das Gespräch fand in einer sehr entspannten und positiven Atmosphäre statt. Brunner-Schwer sprühte vor Energie, zeigte uns den Flügel, auf dem Eugen seine ersten Aufnahmen machte und stellte sich für uns nochmals hinter sein Tonpult, wo er die berühmten Aufnahmen von SABA und MPS einspielte.

Während wir gemeinsam das Buch von Klaus-Gotthard Fischer "Jazzin' the Black Forest" durchblätterten, sprachen wir noch ganz allgemein über die Zeit der SABA und MPS Produktionen. Wir verweilten bei Oscar Peterson, aber auch bei Erroll Garner, den Eugen sehr mochte und bei seinen Konzerten immer meisterhaft "nachspielen" konnte. HGBS hatte Erroll teilweise bei seinen Deutschland Tourneen begleitet, aber leider nichts mehr mit ihm einspielen können.

Er erzählte von seinem vertrauten Verhältnis zu Martha Glaser, der Managerin von Erroll Garner, die Angst vor dem Fliegen hatte und deshalb immer jemanden suchte, der auf Erroll während seiner Europa Tourneen aufpaßte. Mit spürbarer Trauer erzählte HGBS, dass Erroll im Fahrstuhl seines Hauses auf dem Weg ins Krankenhaus starb. Erroll hatte "Unterzucker", was anscheinend niemand richtig wußte und bekam die falsche Spritze. Er hätte noch nicht sterben brauchen.

Warum fehlt Eugen bei der CD "MPS Piano Highlights" ?
    Darüber konnte ich leider nicht mehr allein entscheiden.
Nun denn, wir fragten, wie HGBS Eugen Cicero entdeckt hat? HGBS übergab uns die Aufnahmeprotokolle von Eugen und berichtete:
    Charly Antolini hat ihn mitgebracht. Aus Stuttgart. Er hat Eugen beim "Zimmerle" entdeckt. Der war der frühere Herausgeber vom Jazz Podium. Wir haben ihn gleich "Cicero" genannt, weil das besser klingt wie "Ciceu". Ich haben ihn sofort aufgenommen. Ich habe gleich gemerkt, da spielt ein Genie.

    Die erste Aufnahme, obwohl erst später erschienen, war nicht ROKOKO JAZZ, sondern IN TOWN. Das war quasi unsere Vorführaufnahme. Als erste Platte kam dann ROKOKO JAZZ auf den Markt und die brachte von allen den größten Umsatz. Der Name der Platte fiel uns während der Aufnahme ein. Die Bach Nummer ("Erbarme Dich, Mein Gott") brachte mir zwar Kritik von einigen Kirchenmusikern ein, doch Kritik ist mir grundsätzlich lieber als Schweigen.

    Ich habe Eugen gleich gesagt, wir wollen Jacques Loussier nicht kopieren. Das wollte und konnte er auch nicht. Ich glaube, er kannte ihn auch gar nicht. Loussier kam ja schon sechs Jahre früher auf den Markt und war in Rumänien sicherlich noch nicht bekannt.

    Loussier hat sich immer an die Noten gehalten, während Eugen keine Noten brauchte, er hatte die Musik im Bauch. Eugen konnte in großen Bögen improvisieren, während J. Loussier im großen und ganzen immer am Thema hängen blieb.

    "IN TOWN" und "ROKOKO JAZZ" wurde in einem Zug eingespielt. Bei den einzelnen Stücken wurde vorher nur der Anfang und der Schluß etwas angespielt, dann ging's sofort an die Aufnahme: Anfang - Bridge - Ende, das war für Eugen kein Problem.

    Antolini war ein ausgesprochener Jazz Schlagzeuger und extrem anpassungsfähig, während Witte (genannt "Fifi") ein sagenhafter Studiomusiker war, der von Klassik bis Jazz und Tanzmusik alles beherrschte. Beide spielten sie gerade beim Südfunktanzorchester von Erwin Lehn in Stuttgart.

    Die "KLAVIERSPIELEREIEN" - das war eine Verlegenheitsaufnahme. Eugen hatte Probleme mit seiner Freundin Lili. Sie lag im Krankenhaus und er hatte gerade keine Gage und brauchte Geld. Ich sagte dann, wir machen einfach eine Aufnahme und ich bezahle das Krankenhaus.
Wie gingen die drei auseinander?
    Witte blieb beim Orchester von Erwin Lehn und Charly ging weg, bei Lehn hat er es nicht so lange ausgehalten.... und Eugen wechselte zu INTERCORD.

    Leider haben wir von ihm leider keine Aufnahmen mehr im Archiv. Mit uns hat er also nur sieben Aufnahmen gemacht. Eugen lebte dann auch in Berlin, wo er Hauspianist des SFB Tanzorchester unter Paul Kuhn wurde.

    Eugen hatte leider keinen Manager. Er hätte eine Martha Glaser gebraucht wie Erroll Garner. Sie kam aus Ungarn und war eine gute Geschäftsfrau. Es war immer so, dass entweder ich oder Charly ihn angerufen haben, um Aufnahmetermine auszumachen.

    Mit Eugen machten wir keine Hauskonzerte. Er wollte das nicht. Er fürchtete sich davor, glaube ich. Er wußte von Oscar Peterson, Friedrich Gulda, Monty Alexander, Wolfgang Dauner. Leider wurde er von diesen später "überspielt".

    Eugen wollte im Grunde seine Ruhe, er hatte keine Ellenbogen. Er war sehr introvertiert und kam dann leider ein bißchen unter die Räder. Als er zu Intercord ging, hat sich seine Spieltechnik auch geändert. Das sehen Sie schon an der Länge der Stücke. Eugen konnte nicht unter Zeitdruck eine Platte machen. Bei mir hatten die Künstler immer genug Zeit, weil ich ja als Produzent selbst ein Studio hatte. Bei mir konnten die Musiker eine Tagespauschale vereinbaren und dann spielen wann sie wollten.

    Bei der Vermarktung von Eugen sahen wir ziemlich bald das Problem: Bei den Leuten des Jazz kam er ebenso schwierig an wie bei den Klassik Hörern, dafür aber umso mehr bei den Leuten, die "Easy Listening" hören. Doch muss man im nachhinein feststellen, dass viele über Eugen ihren Weg zur Klassik gefunden haben. Bei ihm war es "segmentartig": dem einen gefiel seine Musik, dem anderen eben nicht.. Eine objektive Aussage ist sowieso nicht möglich.

    Nachdem es Eugen später nicht mehr so gut ging, wurde ihm von Horst Jankowski sehr geholfen. Der hat ihn immer wieder ins RIAS Tanzorchester nach Berlin geholt. Doch Horst war auch immer eifersüchtig, weil Eugen die Klassik besser spielen konnte, obwohl er selbst zuerst als Kirchenmusik ausgebildet wurde.

    Wir hatten einmal Wolfgang Röhrig vom Südfunk Stuttgart bei uns, der meinte in Bezug auf Eugen, da haben wir einen "zweiten Jankowski". Doch für mich ist und bleibt Eugen einzigartig. Seine Aufnahme würde ich heute so bewerten: Am besten gefallen mir IN TOWN und ROKOKO JAZZ. Die KLAVIERSPIELEREIEN waren eine Verlegenheitslösung und bei CHOPIN klebt er mit schon zu sehr an den Noten bzw. an der stilistischen Aussage. SWINGING TSCHAIKOWSKI und LISZT gefielen mir schon wieder besser, da ging er völlig aus sich raus.
Abschließend sprachen wir noch über neue Jazzaufnahmen. HGBS meinte

    Jeder kann sich heute selbst produzieren und sein eigenes Studio hinstellen. Oft wird die Musik stückweise in den Computer eingegeben und dann überarbeitet, so dass beim Hörer nichts mehr herüber kommt. Die Musik bleibt gefühllos, begeistert einfach nicht mehr, so wie wir das aus den 60-er Jahren gewöhnt sind. Die jungen Pianisten spielen einfach anders, auch gut, aber nicht mehr so wie ein Erroll oder Eugen. Die Fähigkeit "hinter dem Beat" zu spielen, hat heute keiner mehr. Oscar hat immer zu mir gesagt, "die Rhythmusgruppe fängt an, ich setze mich dann darauf, wie auf ein Pferd, dann ist das Spielen für mich spielend leicht". Solche guten Drummer und Bassisten (wie sie Oscar hatte) finden Sie heute nur noch sehr schwer. Dennoch meint HGBS, es wird weitergehen, es wird wieder swingen, -doch wie, das weiß keiner! Auf jeden Fall sind ja noch die alten Aufnahmen da und die Nachfrage kommt wieder. Die Musik entwickelt sich doch immer weiter.
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