Friedrich Schoenfelder    1916 - 2011
 
 

Friedrich Schoenfelder,
war mit Eugen befreundet und hat uns folgenden Brief, den er 1999 posthum an Eugen schrieb, zur Veröffentlichung freigegeben.
    An Eugen Cicero
    Im März 1999


      Lieber Eugen,

      Welch schöne Überraschung gestern Abend!

      Der WDR sendete die Aufzeichnung eines Konzerts, das Du 1997 in einem Kölner Jazzlokal gegeben hattest. Zwar war die Kameraführung erschreckend hausbacken und einfallslos, Du warst fast die ganze Zeit über nur im Halbprofil zu sehen, oft genug ganz von hinten und ich hätte natürlich zu gern mehr von Deinem Gesicht gesehen. Grossaufnahmen gab es manchmal, aber da waren dann immer nur Deine Hände zu sehen.

      All das konnte zum Glück Deinem Spiel nicht den geringsten Abbruch tun. Wie bei so vielen Konzerten unterstützten Dich Bass und Schlagzeug.

      Ich hatte Dich sehr lange nicht mehr gesehen und stellte einigermaßen erstaunt fest, dass Du leicht angegraut warst und ein wenig runder aussahst, als ich Dich in Erinnerung hatte.

      Und ich musste an die vielen Male zurückdenken, an denen wir uns begegnet sind.

      Es hatte begonnen, als das ZDF mich zu Proben für eine musikalische Unterhaltungssendung in ein Berliner Studio gebeten hatte. "Familie Musici" hieß das dreiteilige Werk, als dessen Autor und Regisseur Fred Kraus aus München nach Berlin gekommen war.


      Zu den Proben saß ein junger Mann am Flügel, der offensichtlich als Korrepetitor engagiert war. In einer Pause fragte ich diesen jungen Mann, ob er vielleicht mal ein paar Takte von "Take the A train", der Ellington - Erkennungsnummer, spielen könne.


      Lächelnd legte er auf der Stelle mit Billy Strayhorns Komposition los und wir beide hatten auf Anhieb den Eindruck, dass diese Musik uns verbinden würde.

      So hatte ich Dich also kennen gelernt.

      Später habe ich mich noch oft gefragt, wie es gekommen sein konnte, dass man einen so hervorragenden Pianisten wie Dich als Korrepetitor anheuern konnte.


      Ich habe nie mit Dir darüber gesprochen.

      Anzunehmen ist, dass Du wohl zu der Zeit erst seit kurzem in Deutschland warst und eben versuchen musstest, erst einmal irgendwie Fuß zu fassen, auf welche Weise auch immer.

      Jedenfalls warst Du so liebenswürdig die Sympathie, die ich vom ersten Augenblick an für Dich empfand, zu erwidern.

      Dass Du ein genialer Bursche warst, hab ich Dir gewiss nie gesagt, aber Du wirst gewusst haben, wie ich empfinde, das hab ich gespürt.

      Wir haben uns in der Folgezeit sporadisch getroffen, auch privat. Zum Beispiel hattest Du mich zur Taufe Deines Sohnes Roger eingeladen. Ein anderes Mal gab es eine rauschende Party in Deinem Heim im Grunewald. Und natürlich wurdest Du auch dort gebeten, etwas zu spielen. Es war gerade eine Platte von Dir herausgekommen, also wollten wir eine Kostprobe daraus hören. Die Sache scheiterte kläglich. Dein Bassist war volltrunken und ohne ihn wolltest Du, verständlicherweise, nicht spielen.

      Einmal gabst Du in einem kleinen, ehemaligen Kino am Südwestkorso einen Soloabend. Ich konnte erst mit großer Verspätung dorthin kommen, ich hatte eine Vorstellung im Kurfürstendamm-Theater. Zum Glück erlebte ich aber noch den letzten Teil Deines Konzerts. Als das von Dir vorgesehene Programm beendet war und die Zuhörer Dir Ovationen dargebracht hatten, fragtest Du, ob denn vielleicht jemand unter den Zuhörern einen speziellen Wunsch für eine Zugabe hätte. Wie so oft in solchen Fällen, meldete sich kein Mensch und da rief ich Dir aus einer der hinteren Reihen zu:

        "I can't ignore the boy next door"

      Diesen Titel liebe ich, vor langer Zeit hatte ihn die junge Judy Garland in einem Film gesungen, und für mich war er zu einem der vielen angenehmen Ohrwürmer geworden.

      Ohne einen Moment zu zögern, griffst Du in die Tasten und ich hörte Dir begeistert zu. Ich rufe Dir das hier in Erinnerung, weil es viel später für mich eine Art Fortsetzung, gewissermaßen ein Nachspiel, gegeben hat.

      Von einem Ehepaar, das ich nicht kannte, erhielt ich eine Einladung zu einem Hauskonzert. Du würdest dort ein privates Konzert geben, hieß es.
      An einem Sonntagvormittag fuhr ich also dorthin. Die von mir erwarteten anderen Gäste blieben aus. Ich hatte natürlich mit einer Schar Deiner Verehrer gerechnet. Welch Irrtum!
      Außer den Gastgebern, die Dir für Deinen kurzen Berlin-Aufenthalt Quartier gewährt hatten, war keine Seele zu entdecken. Du gabst also ein exquisites, wundervolles Privatkonzert. Und als Du anfingst, traute ich meinen Ohren nicht!
      "I can't ignore the boy next door" war Dein erstes Stück und ich war, das will ich zugeben, ungeheuer gerührt und geschmeichelt. Du hattest ganz offenbar nicht vergessen, dass ich mir dieses Stück seinerzeit als Zugabe gewünscht hatte. Ich hätte Dich umarmen mögen!

      Paul Kuhn, in dessen SFB Big Band Du über Jahre hinweg ein bewunderter Pianist warst, hatte etwas ins Leben gerufen, das schnell zu einer Tradition wurde: an jedem, einem Berliner Presseball folgenden Tag gab es bei ihm, in seinem Haus auf der Havelhöhe, eine 'open-house-party'. Scharen von mehr oder weniger Prominenten trafen sich dort und traten sich gegenseitig auf die Füße, vom Bundespräsidenten bis zum Klatschreporter oder zum Schauspieler war alles einträchtig beieinander. Zu einer dieser recht ausgelassenen Parties kam ich mit meinem Hund, den ich unmöglich allein zu Hause lassen konnte, einem besonders scheuen, zurückhaltenden persischen Windhund, einem Saluki. Zwischen dem ungewohnten Wald aus unzähligen weiblichen und männlichen Beinen wurde er hin und her geschoben, bis es ihm gelang, unter dem Flügel, den es natürlich bei Paul gab, einen Zufluchtsort zu finden. Doch dieser Ruheplatz blieb ihm nicht lange, Paul setzte sich mit Dir an diesen Flügel, ein musikalischer Höhepunkt der Party begann. Schon nach wenigen Takten flüchtete 'Lord Byron', so hatten wir unseren Saluki genannt, verzweifelt in den Garten. Mit welcher Melodie Ihr ihn vertrieben habt, kann ich heute nicht mehr sagen.


      Später, einige Jahre danach, musste man unschöne Dinge von Dir hören, immer wieder war von Alkoholproblemen die Rede. Bei einem Gastspiel, das Paul mit der Big Band in Moskau gab, seiest Du tagelang verschwunden gewesen, wurde berichtet.

      Nun warst Du ja nicht der einzige Musiker, der Alkohol- oder gar Drogenprobleme hatte. Und eines Tages erreichte uns die Nachricht, dass man Dich in der Schweiz hatte kurieren können.

      Als wir uns das letzte Mal in Berlin trafen, hast Du selbst davon berichtet. Du warst in einem Schneideraum verzweifelt damit beschäftigt, Aufnahmen, die Du im SFB gemacht hattest, zu schneiden. Du mühtest Dich ab, einen Fehler Deines Bassisten zu korrigieren. Aber der Teufel wollte es so, dass dieser Bassist bei jeder der gemachten Aufnahmen eines Titels denselben Fehlgriff auf seinem Instrument gemacht hatte, der falsche Ton war nicht auszumerzen.

      Danach haben wir uns nicht noch einmal gesehen. ich hab Dir oft geschrieben, doch es ging mir bei Dir wie mit vielen anderen Freunden und Bekannten: es kam kein Echo. Es wird heute ja nicht mehr geschrieben. Wenn es hoch kommt, ruft mal einer an.

      Ich habe Dir Dein Schweigen nicht übel vermerkt, wie könnte ich. Es hat mich ein wenig traurig gestimmt. Für mein Leben gern hätte ich noch viele Cicero-Konzerte gehört!

      Nun bin ich auf Aufnahmen angewiesen, die es ja glücklicherweise gibt und so kann ich Dich, nach Deinem viel zu frühen Tod, immer noch hören.

      Ich bin glücklich, Dich gekannt zu haben und mit Dir befreundet gewesen zu sein!

      Dein Friedel


      Pressemeldung zum 90.Geburtstag von Friedrich Schönfelder

      Linkliste zu Nachrufen anläßlich seines Todes
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