Balkan Rhapsodie
MPS, 1970

"Balkan Rhapsody" ist das siebte Album das MPS mit Eugen Cicero auf den Markt gebracht hat. Das erste erschien 1965 mit dem Titel Rokoko Jazz (CRM 604). Bis zu diesem Zeitpunkt galt der junge Rumäne in Jazzkreisen als Geheimtip. Danach wurde der Name Cicero (eigentlich Ciceu) rasch zum "Gütezeichen" für einen ungemein flexiblen Piano-Sound, dessen technische Qualitäten mit jener unberechenbaren Kreativität korrespondieren, ohne die auch die Überzeugendste handwerkliche Leistung eben nur formale Rhetorik bleibt.

Cicero kommt von der Konzertmusik her, deren Spielregeln er perfekt beherrscht. Auf diesem Gebiet hätte er zweifellos ein brillante Karriere gemacht Doch zum Glück war seine "Antenne" auf Jazz ausgerichtete. Denn der Konzertpianist ist letztlich den starren Gesetzen der reproduktiven Interpretation unterworfen. Ein wirklich kreativer Musiker aber muss sich innerhalb der Grenzen einer nur reproduktiven Aufgabe beengt fühlen. Cicero sagte früher einmal, er habe immer nach musikalischer Freiheit gestrebt. Er meinte damit eben jede schöpferische Freiheit, die sich nur in einem offenen musikalischen Rahmen wie dem des Jazz verwirklichen kann, der im übrigen dank seines Stil-, Formen-, Stimmungs- und Ausdrucksreichtums der ganzen akademischen Musik (zumindest seit der Klassik, wenn man einmal das rhapsodische Instrumental-Genre ausnimmt) weit überlegen ist. Um sich auf dieser Ebene qualifizieren zu können, braucht man Improvisationstalent, Intuition, spieltechnische Sicherheit, ein ausgereiftes Gespür für Stimmungswerte und für Zuordnung spannungserzeugender Komponenten.

Mit solchen Eigenschaften ausgestattet konnte sich Cicero rasch in der internationalen Spitzenklasse platzieren er neigt zum Typus der sensuellen Musik, was sich in der engen Wechselbeziehung der melodischen und rhythmischen Elemente ausdrückt, und verfügt über eine optimale Ausdrucksskala. Sie reicht von lyrischer Verhaltenheit über burleske Kapriolen bis zu nerviger Expressivität, vom graziösen Glissando bis zum gehämmerten Tremolo. Cicero liebt Kontraste und wechselt oft den Rhythmus. Und immer wieder faszinieren seine rasanten und dynamischen Swingläufe ....

Als Cicero's Rokoko Jazz erschien, hatten sich längst die Routiniers dieses Genres bemächtigt. Ein Debütant musste also schon mit einer gravierenden Leistung überzeugen, um Erfolg zu haben. Cicero setzte sich mit seinen Adaptionen vor- und frühklassischer Kompositionen durch, weil es Anverwandlungen waren, Neuschöpfungen: Essenzen -gewonnen aus Substanzen der alten Meisterwerke und den Impulsquellen des modernen Piano-Jazz.

Noch Jahre später meinte Horst Schade im "Jazz Podium" (September 1969): "Wenn schon Barockoko-Jazz, dann den von Eugen Cicero ... Da ist nichts von der routinierten Glätte und der nassforschen Kaltschnäuzigkeit so mancher seiner Kollegen- Cicero's verjazzte Klassiker-Partituren wahren trotzt aller Eigenwilligkeit den Geist und die Substanz der grossen Meister."

Cicero erschloss sich auch weiterhin ältere musikalische Vorlagen: Werke von Chopin, Tschaikowsky und Liszt (CRM 615,CRM 621 und CRM 656). Das geschah sicher nicht zufällig. Der kulturgeographische Raum, in dem diese Musik wurzelt, ist Cicero vertraut. Er stammt aus Rumänien. Und es sind westlich orientierte Musiker der ost- und südosteuropäischen Musikkultur. Die Verschmelzung slawischer und westeuropäischer (italienischer französischer, deutsch-romantischer) Wesenszüge entsprach ihrer geistigen Haltung und ihrem musischen Temperament. Und so gesehen, sind Cicero's Chopin-, Tschaikowsky- und Liszt-Adaptionen glänzende Zeugnisse einer doppelten Kristallisation: des musikalischen Materials und des musikhistorischen Erbteils. Indem er dieses Material seinem jazzspezifischen Piano Sound integrierte, stellte er die stark melodiebezogene slawisch-westereuropäische Rhetorik des 19. Jahrhunderts in eine moderne kosmopolitische, in die Jazz-Dimension. Wenn man das beim Anhören analysiert, auffächert, verschafft man sich doppelten musikalischen Genuss: Cicero's transparente Spielweise gestattet es, den Verwandlungspozess -- die Verschmelzung des Inspirationsmaterial mit den Jazz-Komponenten -nachzuerleben.

"Balkan Rhapsody" -das ist erneut "ciceronische" Massarbeit: zum Swingen gebrauchte Folklore (ohne jede seelenfeuchte Beschaulichkeit), jazzig aufbereitete Unterhaltungsmusik -insgesamt ein coloritreiches Divertimento, an dem das Trio Cicero-Antonlini-Rettenbacher offenkundig eine Menge Spass hatte.

Rettenbachers Bass-Introduktion, von Antolini elegant akzentuiert, gibt dem ersten Titel eine hinreissende Drive-Vorlage, in die Cicero zunächst ganz lapidar das Thema einfliessen lässt. Aber dann folgt ein Swing-Chorus, der unverkennbar vom Feeling und von der Tasten-Artistik Cicero's geprägt ist. Ich erwähne solche Details nur deshalb, weil es schade wäre, sie zu überhören. Das Cicero-Trio ist ein Spitzenformation. Das heisst für den Kenner und Geniesser, auf die subtileren Reize des Spiels zu achten: auf die Instrumentenführung, die Tempi-Übergänge (die Übergänge wohlgemerkt, nicht den vollzogenen Tempi-Wechsel), die Phrasierung, die tonale Ornamentik, die wechselseitige Reflexion eines markanten Einfalls (im Stadium angeheizter Improvisationslaune keine Seltenheit) -eben all das, was man nur bei aufmerksamem Hören wahrnimmt.

Was ich oben von der Stimmungs- und Ausdrucksskala Cicero's und des Trios sagte gilt natürlich auch für das vorliegende Album. Einförmigkeit ist hier verfemt. Cicero kennt die Entwicklung der Tonbildung und Phrasierung des Jazzpianos so gut wie den rhapsodischen Klavierstil (eines Liszt etwa). Und doch ist er kein Ekletiker , sondern eben -Cicero, unverwechselbar!

Abschliessend möchte ich den Titel "Memories of Clausenburg" hervorheben. Mit diesen Reminiszenzen an seine Heimatstadt, das alte ungarische und seit rund fünfzig Jahren rumänische Klausenburg, ist Cicero einmal mehr ein Kabinettstück der Verschmelzung wesensverschiedener Musikformen und -ideale geglückt. Welche eine Spannung erzielt er allein mit dem rhythmischen Geflecht .....

-EGBERT HOEHL-
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