In Town
Saba, 1965

-JOACHIM ERNST BERENDT-

Kaum war MPS's erste Platte erschienen -Rokoko Jazz- haben die Kritiker den neuen rumänischen Pianisten abgestempelt: Er reitet vergnüglich auf der allgemeinen Barock-Welle. Jetzt erscheint die zweite Cicero-Platte, und ein ganz anderes Cicero-Bild ergibt sich -weiter, vielgestaltiger und reicher. Cicero präsentiert diesmal bekannte internationale Jazz- und Chanson-Themen. Wer sich die Titelliste unserer Platte anschaut, denkt auf den ersten Blick: dieser Mann ist ein Jazzmusiker mit einer großen Sicherheit und Weite in der Auswahl seines Themen-Materials.

Aber die Frage ist: Ist Cicero ein Jazzmusiker? Und wenn er es ist, ist er dann außerdem nicht noch etwas ganz anderes -ein liebenswürdiger und liebenswerter balkanischer "Alleinunterhalter am Piano", der sich den Teufel um stilistische Grenzen kümmert! Was immer ihm nützlich ist, von Bach bis Cole Porter, das muss seiner Musik dienen. Cicero spielt Jazz aus einem ganz anderen musikalischen Grundgefühl heraus, als amerikanische "Jazzer" es tun würden. Diese tun es, weil Ihnen der Jazz natürliche, selbstverständliche musikalische Sprache ist, weil der Swing ihrem Zeitgefühl entspricht und der Beat Ihnen eine Art musikalisches Lebenselexier ist.

Cicero aber spielt "Jazz" -wenn ich's Jazz nennen darf- aus musikantischer Improvisationsfreude. Er will improvisieren und weil er so viele, überquellende Ideen hat und weil der Jazz die einzige moderne Musik ist, in der man diese Ideen improvisatorisch äußern kann: deshalb kam er zum Jazz.

Nicht umsonst kommt er von der klassischen Musik. Über seine Studienzeit am Rumänischen Nationalkonservatorium in Bukarest berichtet er : "Meine Spezialität waren Liszt und Chopin, sowie Bela Bartok, George Enesco, Debussy und Ravel". Aber im gleichen Atemzuge: Schon auf der Schule improvisierte ich lieber frei, als nach Partituren zu üben".

Genau das ist es: Hier improvisiert ein rumänischer Pianist Jazz aus klassischer und romantischer europäischer Tradition.

"Autumn Leaves" -nach dem schönen französischen Chanson "Les feuilles mortes" von Joseph Kosma- fängt an, als stamme es aus den Kinderszenen von Schumann. "Little Niles" hat in der Art, wie Cicero es spielt, viel mehr mit einem Walzer von Chopin zu tun als mit der ursprünglichen Auffassung des Jazz Pianisten Randy Weston, der diese Stück komponiert hat. Und "Por favor" ist die lächelnd hingeworfene Zugabe des "Alleinunterhalters", der sich vor seinem Publikum verneigt. Immer wieder schaut zwischen Ciceros Fingern die Liebe zum Kontrapunkt hervor auf selbstverständliche Weise; er hat's halt so gelernt am Konservatorium.

Also gibt es auch auf dieser Platte ein Bach-Stück. Ciceros "und Bach?" -nach dem c-moll Präludium- ist einer der intensivsten und rasanntesten Aufnahmen der modernen "Bach-Jazz-Welle". Achten Sie auf das Fragezeichen hinter dem Titel "und Bach?". Das ist programmatisch gemeint. Cicero wartete nicht, bis die Kritiker fragen; er fragt es selber , schon bevor er zu spielen anfängt: "Was würde der alte Johann Sebastian dazu sagen " Freut es Dich nicht großer Meister? Macht's Dir nicht Spaß? Mach ich nicht das mit Dir, was Du mit dem alten Vivaldi angestellt hast? -ihn auf Hochglanz poliert, dem Geist der Zeit entsprechend, wie ich der meinen entspreche? Und ich sage doch wenigstens , dass es von Dir ist? In diesem Punkt warst Du, was den armen Maestro Vivaldi betrifft, erheblich nonchalanter!

Ciceros Lebensgeschichte habe sich schon aus seiner ersten MPS-Platte ROKOKO JAZZ erzählt. Hier ist deshalb nur noch einmal stichwortartig: 1940 in Klausenburg/Rumänien geboren - schon als 10jähriger Rundfunkauftritte mit großem Philharmonischen Orchester - Meisterschüler von Rumäniens großer Pianistin Aurelia Cionca - durch den Bruder, der einer der besten Jazz-Schlagzeuger Rumäniens ist, zum Jazz gekommen - über die Tschechoslwakei und die DDR nach Österreich und in die Schweiz - von dort nach Westdeutschland, während die anderen Kollegen seiner rumänischen Jazzgruppe nach den USA emigrierten...

Ciceu heißt er eigentlich. Ab den Namen mußte er aufgeben. Die Leute sagen sowieso "Cicero", wenn er sich vorstellt.

Ein Wort noch zur Rhythmusgruppe: Der Bassist Peter Witte und der Schweizer Schlagzeuger Charly Antonlini gehören zum Tanzorchester des Süddeutschen Rundfunks unter Erwin Lehn. Sie besitzen jene Flexibilität, die unerläßlich ist für einen Musiker, der auch in rhythmischer Hinsicht so großzügig verfährt wie Cicero. Cicero meint, dass er, seit er mit seinem Bruder Adrian Ciceu in Rumänien angefangen habe, Jazz zu spielen, nie wieder Musiker gefunden habe, mit denen ihn eine solche "Empathie" -ein nachtwandlerisches Zusammengehörigkeitsgefühl- verband wie mit Witte und Antolini.

Aber auch die "Empathie" ist nicht das naht- und bruchlose "Zusammensein" der Jazz-Rhythmusgruppen. Auch in ihr schwingen die Beweglichkeit und Freizügigkeit der Musiker des Balkans. Balkaneske Spielfreude -ein Schuß Zigeunertum und ein Schuß Jazz, barock und romantisch gewürzt: das ist die Musik Ciceros.

Dieser Rumäne musiziert, um zu unterhalten -wie Mozart in seinen Divertimenti und Serenaden. "Mozart goes go town" : in die Großstadt des 20. Jahrhunderts und wird dort ....Cicero!

-JOACHIM ERNST BERENDT-
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