Rokoko Jazz
Saba, 15027

"Bach's softly sunrise": Der ganze Cicero steckt in dieser Aufnahme und in diesem Titel. "Swingende Bach-Versionen" sind heute Mode. Aber von Benny Goodman's "Bach goes to town " vor 25 Jahren bis zu allem, was heute die Swingle Singers und Jacques Loussier machen, weiß ich keinen einzigen "Swingenden Bach", der so rasant und zügig dahin schösse wie dieser.

Cicero nämlich swingt seinen Bach nicht, weil es heute Mode ist. Er swingt ihn, weil seine Musik aus der Spannung zwischen dem, was die Schallplatten-Branche "Klassik" nennt , und dem Jazz lebt. Das wird nicht nur bei "Bach's softly sunrrise" deutlich, der brillanten Verbindung von Joahnn Sebastian Bach's d-moll-Toccata und Richard Rodger's schöner Melodie "Softly as in a morning sunrise". Diese Melodie hat schon oft zu barocken und kontrapunktischen Spielereien angeregt. Aber Cicero gibt ihr nicht nur einen Schuß Bach, sondern auch eine kräftige Prise Charlie Parker.

Von Couperin über Johann Sebastian Bach und dem im gleichen Jahr geborenen Scarlatti bis zu Karl Phillip Emanuel Bach und zu Mozart führt unsere Platte durch eines der großen Jahrhunderte der abendländischen Musik: vom Barock über das Rokoko zu frühen Klassik.

Das Rokoko steht im Mittelpunkt -der empfindsam galante Stil des 18.Jahrhunderts, der an Nymphenburger Porzellan, verliebte Schäferspiele und rauschende höfische Feste gemahnt. Ich habe einen alten Brockhaus von 1903. Da steht in altmodischer Sprache zum Stichwort "Rokoko" alles, was Sie über die Musik Ciceros wissen müssen: "Das Kennzeichen des Rokoko ist die Auflösung in leichte, zierlich gewundene Linien.... Der Rahmen umschließt die Füllung pflanzenhaft, umrankt sie wie ein organisch Belebtes.... Der Rhythmus erhebt das Rokoko überhaupt zum Stil...."

Cicero behandelt die Kompositionen der großen Komponisten des 18.Jahrhunderts mit Respekt und Ehrfurcht. Die Themen und Melodien gewinnen Klarheit und Kontur wie selten bei jemandem, der sie "werkgetreu" spielen mag. Man spürt das besonders stark bei Ciceros Version der Alt-Arie "Erbarme Dich, mein Gott" aus der Matthäus-Passion und bei Mozart's d-,moll-Fantasie. Sie ist eines der geglücktesten Stücke unserer Platte.... Wer einmal Klavierunterricht gehabt hat, wir das, was Cicero mit dem Solfeggio des Bach-Sohnes Philipp Emanuel anstellt, nicht ohne wehmütiger Jugenderinnerungen hören können

Cicero allerdings heißt er in Wirklichkeit nicht. Eugen Cicero resignierte, was seinen wirklichen Namen betrifft, frühzeitig. Wer in unseren Breiten kann das schon richtig aussprechen? "Ciceu", pflegte er sich vorzustellen: "so ähnlich wie Cicero" -na, und dann lieb eben Cicero übrig.

Eugen Ciceu-Cicero wurde am 27. Juni 1940 in Klausenburg in Rumänien geboren. Bei seiner Mutter lernte der Vierjährige die ersten Mozart-Sonatinen. Der Bruder brachte ihn zum Jazz. Adrian Ciceu ist einer der bekanntesten Jazzschlagzeuger und Jazzkritiker Rumäniens.

Bereits 1950, also mit 10 Jahren, gab Cicero Klavier-Konzerte am Rundfunk in Burkarest. Aurelia Cionca, die berühmteste Pianistin Rumänien, wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn ein, bei ihr Unterricht zu nehmen. Später studierte er auf dem Nationalkonservatorium in Bukarest.

Seine phänomenale pianistische Technik machte in schnell bekannt. Mit 16 Jahren erhielt er den ersten Preis bei m rumänischen Bundeswettbewerb junger musikalischer Interpreten -und mußte sich dann doch mit einem Diplom begnügen, weil er zu jung war, um die offizielle Auszeichnung entgegennehmen zu können.

Dann kam die große Wende: Mit 18 gründete er zusammen mit seinem Bruder Adrian Ciceu sein erstes Jazz Quintett. Er konzertierte in Rumänien, der Tschechoslowakei, machte Schallplattenaufnahmen und spielte in Rundfunk und Fernsehen. Dann ging der Bruder, der vom Jazz kam, zum Philharmonischen Orchester Bukarest und Eugen, der von der Klassik kam, war endgültig beim Jazz gelandet....

Über die DDR kam er nach Österreich und in die Schweiz. Dort verließen ihn auch die anderen Musiker, die er aus Rumänien mitgebracht hatte, um nach Amerika zu gehen.

Und Freddy Brocksieper, der länger Jazz spielt als irgend ein anderer deutschsprachiger Musiker- nämlich 30 Jahre lang- holte in nach München und stellte ihn dem westdeutschen Publikum vor.

Auf unserer Platte spielt Cicero zusammen mit Peter Witte am Baß und dem Schweizer Schlagzeuger Charly Antolini. Beide Musiker kommen vom Orchester Erwin Lehn aus Stuttgart. In ihrer Verbindung von jazzmäßiger Freizügigkeit und professioneller Studioerfahrung bilden sie die ideale Rhythmusgruppe für Cicero.

Auf die Frage nach einem Hobby sagt Cicero: "Außer Klavier habe ich kein Hobby". Gegenfrage: "Aber Klavier, das ist doch ihr Beruf?" Anwort: "Ach ja, das hatte ich ganz vergessen ...."


-JOACHIM ERNST BERENDT-
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