Solo Piano
IN AND OUT Records

Eugen Ciceros Karriere begann im Rumänien der Nachkriegszeit. 1940 in Siebenbürgen geboren, lernte er sehr früh das Klavierspiel und zeigte eine ungewöhnliche Begabung. Die Laufbahn als Konzertpianist schien vorherbestimmt: Ausbildung bei den renommiertesten Künstlern seines Landes, Musikstudium, Konzertreisen und Tourneen ins Ausland.

Dieses Leben schränkte Cicero jedoch ein, zumal in einem politisch reglementierten Kulturbetrieb. Doch scheint gerade die kulturelle Enge seinen ganz eigenen Weg beflügelt zu haben: Eine freie Entfaltung populärer Musik war kaum denkbar. Der Kanon klassischer Klaviermusik dagegen war von den Machthabern akzeptiert, weil scheinbar unverfänglich. Mit diesem musikalischen Bestand im Gepäck setzte sich Cicero 1962 in den Westen ab und kam in das damalige Zentrum des europäischen Jazz - nach Berlin. Die Offenbarung des Swing und das vorhandene Repertoire fügten sich wie Teile eines Puzzles zusammen: Eugen Ciceros Musik entwickelte sich hin zur Fusion von Klassik und Jazz.

In den 60er und 70er Jahren traf dies auf offene Ohren. In allen Sparten der populären Musik entdeckte man die klassischen Komponisten. Allerdings blieben Adaptionen durch U-Musiker oft reines Arrangement. Eugen Cicero dagegen gelang es, die Harmonien vergangener Jahrhunderte zur Grundlage echter Jazz-Improvisation zu machen und dabei dennoch werktreue Interpretationen auf hohem Niveau zu präsentieren. Er ist damit derjenige, der sowohl die klassische Musik als auch den Jazz jeweils am reinsten erhalten konnte und zugleich in der tiefsten Weise miteinander verband. Bis zu seinem viel zu frühen Tod 1997 hat Eugen Cicero mehr als 70 Alben aufgenommen.

Auf dem vorliegenden Album finden sich ausschließlich Solo-Aufnahmen, die am 14. Sept. 1978 bei den Debrecen Jazz Days entstanden sind. Auf diesem ältesten ungarischen Jazz-Festival spielten seit 1973 internationale Jazz-Größen wie Marcus Miller, Wayne Shorter und Lee Konitz. Die Bänder schlummerten lange in den Archiven, bis sie 2004 von einem slowakischen Sammler entdeckt und in den Westen gebracht wurden. So wird uns in den Zeiten der europäischen Integration ehemaliger Ostblockstaaten bewusst, aus welchem gemeinsamen kulturellen Erbe wir schöpfen.

Die Konzertaufnahme zeigt eine familiäre Atmosphäre, die aus dem Zusammenspiel eines hochrangigen Künstlers und eines ebenso kundigen wie begeisterten Publikums entsteht. Zudem präsentieren sie einen Eugen Cicero in Hochform, der virtuos, experimentierfreudig und stellenweise geradezu ausgelassen seinen musikalischen Stoff verarbeitet.

Die Abwesenheit von Begleitmusikern bringt Cicero nicht in Verlegenheit. Im Gegenteil: Mit "Shiny Stockings", beweist er, dass seine auf Unabhängigkeit trainierte linke Hand ohne weiteres einen Bassisten ersetzt. Sie spielt hier einen munteren "walking bass", während er in der Rechten Melodie und akzentuierende Akkorde vereint. Dabei schimmert seine tiefe Zuneigung zu Erroll Garner durch.

Überhaupt widmet sich Cicero ausführlich dem Mainstream: Etliche Stücke sind Standards; die für ihn typischen Klassik-Adaptionen geraten auf den ersten Blick ins Hintertreffen. Das scheint allerdings nur so. Denn hier verfolgt Cicero offenbar zwei Ziele: Einmal die traditionelle Klaviermusik als harmonisches Grundmaterial für ambitionierten Swing zu verwenden, andererseits balladeske und swingende Jazz-Standards mit den Interpretationsmitteln des klassischen Pianisten darzubieten.

Sehr gut lässt sich das an Ciceros Kabinettstück "Sunny" belegen. In anderen Aufnahmen spielt Cicero darin die Evergreens der "ernsten" Klaviermusik kurz an, um dann immer wieder an harmonisch passender Stelle in die eingängige Melodie von "Sunny" zu wechseln. In Debrecen dagegen bleibt er konsequent bei "Sunny" und variiert ohne melodische Zitate allein mit Phrasierungen, Tempi und kompositorischen Figuren barocker bis romantischer Musik.

Wo Cicero sich des klassischen Repertoires annimmt, wird er den Stücken auf verblüffende Weise gerecht, ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren: Schuberts "Heideröslein" übersetzt er mit heiter perlender Improvisationsfreude, Bachs Choral arrangiert er harmonisch komplex, ohne ihm die schwermütige Stimmung zu nehmen. Chopins Walzer bleiben auf frappierende Weise werktreu: Cicero legt mit seiner Interpretation deren im übervirtuosen Vortrag klassischer Pianisten meist verschüttete Tanzbarkeit frei. Zugleich gelingt es ihm, die melancholische Harmonik Chopins aufblitzen zu lassen.

Umgekehrt steht Chopin Pate für die Interpretation von Joseph Cosmas "Les feuilles mortes". In der Exposition wird daraus beinahe ein Nocturne, in der Improvisation kommt dann wieder Erroll Garner ins Spiel - ein beiläufiges Zitat von "Tea for Two" gibt den augenzwinkernden Hinweis.

Ganz bei sich selbst ist Cicero in "Nancy With A Laughing Face". Von Frank Sinatra populär gemacht, wird das kleine Lied für Cicero zum vorsichtig umspielten und meditativ von allen Seiten behutsam betrachteten melodischen Material. Das wirkt so intim und versonnen, dass man Eugen Cicero während der gut sechs Minuten ganz allein im Saal wähnt. Man fühlt sich spontan an die Balladeninterpretationen erinnert, die Oscar Peterson in den 60er Jahren im Haus des MPS-Gründers Hans-Georg Brunner-Schwer einspielte. Beide Pianisten prägten auf ihre Weise den legendären MPS-Sound und begegneten einander dabei auf Augenhöhe.

Reichlich Schabernack treibt Cicero mit "The Sheik of Araby" - sehr zur Freude des Publikums. Beginn und Ende führen in die Tradition des Ragtime. Dazwischen wechselt die Stimmung gewollt übertrieben ins hohe Pathos, um schnell und mit Zwischenapplaus bedacht ins munter Tändelnde zu fallen und schließlich überraschend einige Takte Beethovens einzuflechten.

Verblüffendes erreicht Cicero mit "Glory Halleluja". Eigentlich bieten dessen simple Harmonien wenig Stoff für spannende Improvisationen. Doch zahlen sich hier Ciceros Kompositionsstudien aus: Mit der Verlagerung nach Moll und der Anreicherung durch komplexes Akkordmaterial kommt er zu einer überzeugenden Interpretation. Das erinnert an Bachs "Musikalisches Opfer", doch ist für Cicero nicht wie für Bach politische Opportunität das Motiv, sondern "Glory Halleluja" ist ihm im Gegenteil als Ruf zur Befreiung von äußerem Druck eine Herzensangelegenheit.

Das Konzert von Debrecen wirkt selbst nach fast drei Jahrzehnten frisch und neu. Hier beweist Cicero, dass er immer wieder zu überraschen vermag. Gleichzeitig fügt es sich aber in der Rückschau sehr konsequent und folgerichtig in Ciceros Entwicklung ein: Die begeisternde Virtuosität der ersten Karriereschritte spiegelt sich darin ebenso wie die reife Meisterschaft der späten Jahre.

Cicero deutet die Musik als stetig im Fluss begriffenes Medium, das sich ständig neu erfinden und immer wieder variieren lässt. Es gibt in seinem Werk nichts Endgültiges, sondern an jeder Stelle ist die Neugier zu spüren, die auf der Grundlage technischer Perfektion immer wieder zu Neuentdeckungen im scheinbar Bekannten führt. In Debrecen erlaubt er dem Publikum einen Blick in seine interpretatorische Werkstatt, lässt sie am Entstehen musikalischer Einfälle teilhaben und lässt sich seinerseits von der Antwort der Zuhörer wieder zu spontanen Reaktionen verleiten. Zweifellos ein Höhepunkt in Ciceros Schaffen.

-Hans Altmeyer-
zurück zur Übersicht